Irgendwo im Herzen des tiefsten Waldes der Erde lebte eine Füchsin. Eines Tages kaufte sie auf einem Jahrmarkt weißes Tuch. Sie nähte sich ein Kleid daraus, kleidete sich darin, bewunderte sich vor dem Spiegel in ihrem neuen Gewand und sprach plötzlich: „Soll ich heiraten?“
Im ganzen Wald verbreitete sich das Gerücht, dass die Füchsin beschlossen hatte zu heiraten. Die Waldbewohner, die die Füchsin verehrten, begannen sich zum Brautwerben zu versammeln – um ihre Hand anzuhalten. Jeder wollte sein Glück versuchen.
Als Erster kam Väterchen Bär mit seinen Bärenjungen, um ihr den Hof zu machen, und brachte einen großen Strauß duftender Wildblumen mit. Der Bär war ein mächtiger Herrscher der heimischen Wälder, ein Schrecken für alle Angreifer und Schurken, ein Schutz für alle Schwachen und Bedürftigen. Die Füchsin sah den Bären und seine süßen Bärenjungen an und dachte nach: „Der Bär ist gut, treu und gutherzig. Wäre er nicht der beste Bräutigam? Wenn ich ihn heirate, werde ich in seiner warmen Höhle keinen Kummer kennen. Doch sucht der Bär nicht nur eine Wirtin für sein Haus und ein Kinderfräulein für seine Jungen? Versteht der Bär etwas von der Kunst der Zärtlichkeit und Zuneigung?“
Es dauerte nicht lange, bis der zweite Anwärter, Isegrim, der graue Wolf, an die Tür klopfte, und einen Schleier aus Verlangen nach Freiheit, Tollerei und Wagnis mit sich brachte. Der Gastgeberin eine Blume schenkend und dem Bären sein Zähnefletschen, fragte der Wolf, ob es bei diesem Empfang Tee gäbe.
Die Füchsin lächelte, als sie den hungrigen Wolf beobachtete, der mit großem Appetit ihre Leckereien aß. Seine kompromisslose Liebe zur Freiheit und zum Abenteuer mag wohl bewundernswert sein, doch mit der Ehe ist sie kaum vereinbar.
Ein wenig später zog die geöffnete Tür die Aufmerksamkeit der Füchsin auf sich, hinter der ein feurigroter Fuchs hin und her huschte. Der schöne Fuchs – ein Romantiker und Dichter – verhielt sich so, als wäre er auch zum Brautwerben gekommen, aber irgendwie auch so, als wäre er nicht wirklich da. Obwohl die Braut hübsch war und ihm gefiel, mochte der Fuchs die Verpflichtungen, die er wohl eingehen müsste, nicht. Dieser Fuchs brachte zum Treffen sogar einen Verlobungsring mit. Was nützt aber ein Ring, wenn der Fuchs ihn heute schenkt und morgen nicht zur Hochzeit erscheint? Einen Fuchs zu heiraten wäre eine Herausforderung an sich. Jeder Tag wäre, wie in einen Spiegel zu schauen und im Partner alle eigenen hellen und dunklen Seiten zu sehen.
Der Tag neigte sich dem Ende zu. Die Füchsin bewirtete weiterhin ihre lieben Gäste, nahm ihre Aufmerksamkeitszeichen und Versprechungen entgegen, als plötzlich die Schildkröte hinter dem Fenster erschien. Ach ja – es gibt auch solche Verehrer: jene, die es nirgendwo eilig haben. Man sagt über sie: „Wenn man eine Frau lange betrachtet, kann man sehen, wie sie heiratet.“
Als das erste Sternchen noch ganz blass am Himmel erschien und alle Gäste das Haus verließen, beschloss die Füchsin, einen Spaziergang durch den abendlichen, bereits im dämmrigen Licht versinkenden Wald zu machen. Und sie stieß plötzlich auf einen Wanderer, der inmitten einer kleinen Lichtung stand und seinen Blick zu den Sternen richtete. Sie sahen sich für einen Moment an … und dann beobachteten die beiden bis zum Morgengrauen aus ihrer inneren Weite heraus – die Weite des Himmels …
Der Verstand verstummte. Das Herz erwachte.