In einem fernen Wald lebte eine Rotfüchsin. Gott hatte ihr Weisheit, Zärtlichkeit und List geschenkt. Außerdem war sie eine Schönheit, wie sie die Welt noch nie zuvor gesehen hatte. Sie lebte allein in ihrem Haus, backte jeden Tag Kuchen und kochte Tee im Samowar. Zufrieden trank sie ihren Tee und blickte aus dem Fenster in den Wald.
Eines Tages zog ein neuer Bewohner in den Wald ein, ein ebenso rothaariger und ebenso listiger Fuchs. Als er sorglos durch den Wald spazierte, fiel sein Blick auf die schöne Füchsin im Fenster. In diesem Augenblick schien alles um den Fuchs herum stillzustehen: Der Gesang der Vögel verstummte, das Rascheln der Blätter verklang, Schmetterlinge hielten inne – sogar seine eigenen Gedanken erstarrten. Er sah nur noch die Füchsin, allein auf der ganzen Welt, und verliebte sich unsterblich in sie … Von diesem Tag an kam der Fuchs täglich auf eine Tasse Tee zu ihr. Er kam zum Tee, erzählte ihr Märchen und spielte seine kleinen Tricks.
Doch der Fuchs war ein Spieler. Manchmal waren es Schicksale, Gefühle und sogar Leben, mit denen er spielte. Würde und Ehre, hohe Ideale und noble Absichten – all das schien ihm zu eigen zu sein, doch es verschwand in dem Moment, in dem seine Worte und Versprechen zu Taten werden sollten. Dann war es, als löse sich seine ganze Würde plötzlich in Luft auf – und mit ihr verschwand der Fuchs selbst.
Nun, unser schlauer Freund betrachtete List nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern fälschlicherweise als Tugend. „Ist es besser, einfach und ehrlich zu sein wie ein weißer, flauschiger Hase?“, fragte sich der Fuchs. „Aber für jeden harmlosen, lieblichen Hasen gibt es einen bösen, zähneknirschenden Wolf!“
Die schöne Füchsin, die den Fuchs stets gastfreundlich zum Tee empfing, lauschte seinen Märchen mit großer Freude. Doch sie war nicht weniger klug als ihr Herzenskavalier – sie wusste genau, dass er seine Tricks auch an ihr erprobte. Und obwohl der Fuchs sie liebte, gewann doch stets seine listige Natur die Oberhand. Und so kam der Tag, an dem die Geduld der Füchsin erschöpft war … und der ganze Wald hielt den Atem an und wartete auf die Schlacht der Meister der List!
Für den stolzen Fuchs war es keine leichte Auseinandersetzung. In jeder anderen Lage hätte er längst das Weite gesucht, um einer unbequemen oder gar gefährlichen Situation zu entkommen. Doch hier … hielt ihn die LIEBE an dieses Haus gebunden.
Und als nach dem Sturm wieder Stille einkehrte, kehrte auch der Fuchs zurück – unter das Fenster seiner lieben Füchsin. Jedes Mal vergab sie ihm und lud ihn erneut in ihr Haus ein. So begann das Spiel von Neuem.
Und vielleicht dauert dieses Spiel bis heute an – solange in den Herzen der Spielenden jene allverzeihende Liebe lebt. Eine Liebe, die bis heute darauf wartet: Wann wird die Ehrlichkeit endlich über die Lüge siegen!?